Leseprobe aus „Ey, spiel ma VERDAMP LANG HER!?“

Jimi Hendrix mit Maulsperre

Sommer 1990, Proberaum in der alten Mühle

Die frühen Neunziger waren bloß die späten Achtzigerr. So viel steht fest. Und ein Jahr vor Dreadlocks, zerrissenen, mit roter Farbe verschmierten Hosen und „Schieß doch Bulle!?!“ auf der durchlöcherten Jeansjacke, trug ich noch ne ölige Elvis-Frisur, altmodische Kellnerwesten und ein eher post-waviges Outfit.

Dazu spielte ich in einer Prä-Britpop-Band namens DEEP IN DOUBT zusammen mit Texi, Bolli und dem „Dicken“, die alle älter waren als ich, mich aber so als Rock n´´ Roll-Küken mit durchschleiften. Dies brachte mir nächtliche Auftritte, erste Trinkgelage und eben einen coolen Proberaum in der alten Mühle am Stadtrand ein.

Ein weiterer beschneidungszeremonienartiger Meilenstein im Leben eines Fünfzehnjährigen (Klein )Städters ist natürlich das Entferntkriegen der unsäglichen Zahnspange, die ich tatsächlich zwei Jahre lang freiwillig trug; hauptsächlich, weil ich nie wieder Goofy genannt werden wollte.

Drei Wochen vor einem ersten größeren Auftritt mit D.I.D. sollte das fiese Ding mit den ständig Essen speichernden silbernen Brackets endlich rausgenommen werden, und 4 Tage vorher hielten wir eine feierliche Generalprobe ab, um nochmal alle unsere Showhighlights auf den Punkt zu bringen.

Die Geschichte des Pop war noch ein weitgehend offenes, aber höchst spannendes Buch mit 666 Siegeln für mich, besonders hatten es mir jedoch bereits die Sixties angetan. Mit glühenden Augen hatte ich vor Kurzem bei einem Kumpel zum ersten Mal einem Auftritt von Jimi Hendrix auf VHS-Kassette beigewohnt. Jetzt, bei unserer Generalprobe, dachte ich, es wär doch toll, eines der ohnehin wenigen mir zugedachten Soli mit den Zähnen zu spielen – wie Jimi!

Wir waren gerade richtig in Fahrt, nach fünf, sechs Stücken, da startete ich meine Jimi-Offensive. …

Leider, ohne die Rechnung mit dem doofen Metallgestell in meinem Mund zu machen: Schon nach wenigen Tönen, die auch komischerweise überhaupt nicht denen meines Gitarrenhelden glichen, hing ich mit den Zähnen fest.

Ein anfängliches Überspielen meiner peinlichen Lage durch den Versuch, mit der Gitarre vorm Gesicht lässig zu tanzen, wich schnell reiner Panik,da nicht mehr rauszukommen.

Meine Jungs ignorierten das Ganze zunächst, um dann irgendwann mit den Augen zu rollen und sich mal wieder über den kleinen Scheißer mit der Profilneurose zu mokieren.

Nach gefühlten Ewigkeiten, war das Stück zu Ende.

Dummerweise war abgesprochen, dass Texi, unser Drummer, sofort zur nächsten Nummer übergehen würde, und in die stiegen dann auch alle anderen ein…alle, außer mir!

Ich wand mich jetzt fest verstrickt unter meinem Instrument, und es dauerte noch einmal vier Minuten, bis alles wieder ruhig war, und Bolli, der irgendwie immer Werkzeug am Mann hatte, mir mit einem Saitenschneider die Gitarrenstränge von den Zähnen schnitt…

Alle haben sehr über mich gelacht. Ich nicht. Seither auch fühle mich viiiieeeel weniger Rockgotttt-artig als bis dahin.

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